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Warum die EU die Flüchtlingskrise braucht, und warum nicht. Teil 2

Aussage 2: Einwanderer werden benötigt, um den Fachkräftemangel abzufangen.

Die Frage ist, ob wir undifferenziert Einwanderer mit Flüchtlingen gleichsetzen können. Natürlich sind alle Flüchtlinge Einwanderer, aber sind es diejenigen, mit denen wir die offenen Stellen besetzen können? Wenn Politiker sagen, sie wollen mehr Zuwanderung, dann sollten sie genau sagen, wen sie damit meinen. Der Unterschied liegt im Folgenden:

Jemand, der sich bewusst dafür entscheidet in ein anderes Land zu gehen, weil er dort leben und arbeiten möchte – und die entsprechende Qualifikation mitbringt, ist von seiner Einstellung grundlegend anderes als jemand, der vertrieben wird. Wer auswandert, weil er Berufschancen sieht, weil er unzufrieden mit seinem Land, also den gesellschaftlichen Verhältnissen ist, wird eher dazu bereit sein sich in die neue Gesellschaft zu integrieren. Quasi die Vergangenheit abzukoppeln. Damit meine ich keineswegs, sie würden ihre Identität, also ihre identitätsstiftenden Institutionen ihrer Heimat verleugnen. Doch wenn sich jemand ernsthaft und in Ruhe über diesen massiven Lebensumbruch auseinandersetzt, muss er sich zugleich mit den Gepflogenheiten des Ziellandes, also auch der Zielkultur beschäftigen. Der Mensch strebt aufgrund seiner sozialen Beschaffenheit nach sozialer Harmonie, und diese kann er nur erreichen, wenn er nicht überall aneckt. Dies bedeutet zu reflektieren, ob die gesellschaftliche Ordnung des Ziellandes für einen selber akzeptabel ist, diese Ordnung also selber zu einem gewissen Teil anstrebt. Also muss es gleichzeitig eine Bereitschaft geben etwas aus seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen um neu anfangen zu können. Diese Bereitschaft wird eher gegeben sein, wenn die Einwanderer wegen gesellschaftlicher Unzufriedenheit ihr Heimatland verlassen – und das aus eigener, freier und in Ruhe getroffener Entscheidung heraus. Denn ein Schritt wie dieser erfordert zumindest die räumliche Trennung von positiven emotionalen Bindungen, die mit Verwandten und Freunden bestehen. Ein solcher Migrationswilliger verlässt damit bewusst seine Komfortzone, und zwingt sich gleichzeitig neue Herausforderungen anzugehen.
Menschen, die unter vorhergehende Prämisse fallen, möchte ich als Einwanderer und nicht als Flüchtlinge bezeichnen.

Wenn allerdings einzig wirtschaftliche Interessen das Handeln ambitionieren, werden Migranten zu Wirtschaftsflüchtlingen. Sie fliehen vor der wirtschaftlichen Lage in ihrer Heimatregion. Lediglich die Vorzüge von besseren wirtschaftlichen Verhältnissen werden kalkuliert. Eine Bereitschaft teilweise mit der Vergangenheit zu brechen bleibt aus. Das ist dann in etwa so, als wolle man wirtschaftliche Verbesserung ohne gesellschaftlichen Wandel. Es ist sozusagen eine wirtschaftliche Utopie in der gleichen Gesellschaftsform. Nur das eine prosperierende Wirtschaft nicht in eine bestehende Gesellschaft hereingetragen, sondern die Gesellschaft in eine bestehende Wirtschaft eingebracht wird; und damit in Konkurrenz mit der dort etablierten Gesellschaft tritt. Als Folge können Parallelgesellschaften in Erscheinung treten, da in diesen die Komfortzone beibehalten werden kann, die bei einem Einwanderer bewusst aufgegeben wird. Als Folge widerstreben Parallelgesellschaften dem erhofften wirtschaftlichen Wohlstand, da es zu wenig Integrationsleistung kommt und somit die erhofften, gut bezahlten Arbeitsplätze ausbleiben.

Politische Flüchtlinge emigrieren, weil sie aus politischen und damit gesellschaftlichen Gründen um ihr Leben fürchten müssen, und haben damit einen Kritikpunkt an ihrer bisherigen Gesellschaft. Dieser Kritikpunkt hat sie entweder bereits mit ihrer bisherigen Gesellschaft brechen lassen, oder impliziert die Bereitschaft dazu. Die Bereitschaft zur Veränderung.
Eine Anschlussfrage, die ich an anderer Stelle weiterverfolgen möchte, ist, was dies für eine Veränderung sein sollte. Hat die bisherige Gesellschaft viele akzeptierte Punkte, und nur wenige, aber gravierende Schwachstellen, die verändert werden sollen – und aus denen die Flucht resultiert; oder ist es ein Wille zur Veränderung, der mit einem teilweisen Bruch der Vergangenheit und der bisherigen Gesellschaft einhergeht?

Wie lassen sich Kriegsflüchtlinge einordnen? Verstehen wir Krieg als gesellschaftliche Komponente, würde daraus folgen, dass der gravierende Aspekt, der den Menschen zur Flucht ermutigt, lediglich oder zumindest hauptsächlich der Krieg ist. Dies bedeutet wiederum, dass das gesellschaftliche Konzept ohne den Krieg genommen akzeptiert ist, und die Menschen dies eigentlich nicht aufgegeben möchten. Und dies ist so zu verorten wie das reine wirtschaftliche Interesse als Emigrationsmotiv.

Aus einem Kriegsgebiet fliehen also Menschen, die sich zwar der Gewalt entziehen möchten, aber mit den sonstigen Aspekten ihres gesellschaftlichen Lebens zufrieden waren. Und der Gewalt entziehen wollen sich nicht nur Menschen, die entsprechende Qualifikation vorweisen können und haben, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Wirtschaftsflüchtlinge suchen den Wohlstand, aber der Wille zur gesellschaftlichen Veränderung ist ungewiss. Deshalb weist die Bundesregierung Wirtschaftsflüchtlinge ab. Also unterstellt sie den Migrationswilligen, sie seien nicht qualifiziert genug um unseren Fachkräftemangel zu beheben, da wir sie sonst mit Begrüßungsgeld aufnehmen würden.
Völlig undifferenziert werden somit die Kriegsflüchtlinge betrachtet, und im Hinblick auf Wirtschaftsflüchtlinge wird mit unterschiedlichem Maß gemessen. Von daher ist es fraglich, ob die Flüchtlingskrise Hilfe beim drohenden Fachkräftemangel leisten kann.

Wohingegen diejenigen, die sich bewusst, in Ruhe und aus freien Stücken, also ohne äußeren Zwang für eine Emigration entschieden haben, tatsächlich könnten. Von daher ist eine klarere Differenzierung bei der Betrachtung von Zuwanderern notwendig. Außerdem sollten wir uns die Frage stellen, ob es sinnvoller wäre, für mehr eigene Kinder zu werben um dem demografischen Wandel zu bekämpfen.
(An dieser Stelle möchte ich das gern von der Politik genutzte Argument erwähnen, dass Deutschland seit jeher ein Einwanderungsland sei – und in einem weiteren Beitrag werde ich die Unterschiede zwischen damals und heute aufzeigen.)


Morgen werde ich zu Aussage 3 schreiben. Bleib interessiert. Bleib aufmerksam.

21.11.15 17:25

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