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Warum die EU die Flüchtlingskrise braucht, und warum nicht. Teil 2

Aussage 2: Einwanderer werden benötigt, um den Fachkräftemangel abzufangen.

Die Frage ist, ob wir undifferenziert Einwanderer mit Flüchtlingen gleichsetzen können. Natürlich sind alle Flüchtlinge Einwanderer, aber sind es diejenigen, mit denen wir die offenen Stellen besetzen können? Wenn Politiker sagen, sie wollen mehr Zuwanderung, dann sollten sie genau sagen, wen sie damit meinen. Der Unterschied liegt im Folgenden:

Jemand, der sich bewusst dafür entscheidet in ein anderes Land zu gehen, weil er dort leben und arbeiten möchte – und die entsprechende Qualifikation mitbringt, ist von seiner Einstellung grundlegend anderes als jemand, der vertrieben wird. Wer auswandert, weil er Berufschancen sieht, weil er unzufrieden mit seinem Land, also den gesellschaftlichen Verhältnissen ist, wird eher dazu bereit sein sich in die neue Gesellschaft zu integrieren. Quasi die Vergangenheit abzukoppeln. Damit meine ich keineswegs, sie würden ihre Identität, also ihre identitätsstiftenden Institutionen ihrer Heimat verleugnen. Doch wenn sich jemand ernsthaft und in Ruhe über diesen massiven Lebensumbruch auseinandersetzt, muss er sich zugleich mit den Gepflogenheiten des Ziellandes, also auch der Zielkultur beschäftigen. Der Mensch strebt aufgrund seiner sozialen Beschaffenheit nach sozialer Harmonie, und diese kann er nur erreichen, wenn er nicht überall aneckt. Dies bedeutet zu reflektieren, ob die gesellschaftliche Ordnung des Ziellandes für einen selber akzeptabel ist, diese Ordnung also selber zu einem gewissen Teil anstrebt. Also muss es gleichzeitig eine Bereitschaft geben etwas aus seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen um neu anfangen zu können. Diese Bereitschaft wird eher gegeben sein, wenn die Einwanderer wegen gesellschaftlicher Unzufriedenheit ihr Heimatland verlassen – und das aus eigener, freier und in Ruhe getroffener Entscheidung heraus. Denn ein Schritt wie dieser erfordert zumindest die räumliche Trennung von positiven emotionalen Bindungen, die mit Verwandten und Freunden bestehen. Ein solcher Migrationswilliger verlässt damit bewusst seine Komfortzone, und zwingt sich gleichzeitig neue Herausforderungen anzugehen.
Menschen, die unter vorhergehende Prämisse fallen, möchte ich als Einwanderer und nicht als Flüchtlinge bezeichnen.

Wenn allerdings einzig wirtschaftliche Interessen das Handeln ambitionieren, werden Migranten zu Wirtschaftsflüchtlingen. Sie fliehen vor der wirtschaftlichen Lage in ihrer Heimatregion. Lediglich die Vorzüge von besseren wirtschaftlichen Verhältnissen werden kalkuliert. Eine Bereitschaft teilweise mit der Vergangenheit zu brechen bleibt aus. Das ist dann in etwa so, als wolle man wirtschaftliche Verbesserung ohne gesellschaftlichen Wandel. Es ist sozusagen eine wirtschaftliche Utopie in der gleichen Gesellschaftsform. Nur das eine prosperierende Wirtschaft nicht in eine bestehende Gesellschaft hereingetragen, sondern die Gesellschaft in eine bestehende Wirtschaft eingebracht wird; und damit in Konkurrenz mit der dort etablierten Gesellschaft tritt. Als Folge können Parallelgesellschaften in Erscheinung treten, da in diesen die Komfortzone beibehalten werden kann, die bei einem Einwanderer bewusst aufgegeben wird. Als Folge widerstreben Parallelgesellschaften dem erhofften wirtschaftlichen Wohlstand, da es zu wenig Integrationsleistung kommt und somit die erhofften, gut bezahlten Arbeitsplätze ausbleiben.

Politische Flüchtlinge emigrieren, weil sie aus politischen und damit gesellschaftlichen Gründen um ihr Leben fürchten müssen, und haben damit einen Kritikpunkt an ihrer bisherigen Gesellschaft. Dieser Kritikpunkt hat sie entweder bereits mit ihrer bisherigen Gesellschaft brechen lassen, oder impliziert die Bereitschaft dazu. Die Bereitschaft zur Veränderung.
Eine Anschlussfrage, die ich an anderer Stelle weiterverfolgen möchte, ist, was dies für eine Veränderung sein sollte. Hat die bisherige Gesellschaft viele akzeptierte Punkte, und nur wenige, aber gravierende Schwachstellen, die verändert werden sollen – und aus denen die Flucht resultiert; oder ist es ein Wille zur Veränderung, der mit einem teilweisen Bruch der Vergangenheit und der bisherigen Gesellschaft einhergeht?

Wie lassen sich Kriegsflüchtlinge einordnen? Verstehen wir Krieg als gesellschaftliche Komponente, würde daraus folgen, dass der gravierende Aspekt, der den Menschen zur Flucht ermutigt, lediglich oder zumindest hauptsächlich der Krieg ist. Dies bedeutet wiederum, dass das gesellschaftliche Konzept ohne den Krieg genommen akzeptiert ist, und die Menschen dies eigentlich nicht aufgegeben möchten. Und dies ist so zu verorten wie das reine wirtschaftliche Interesse als Emigrationsmotiv.

Aus einem Kriegsgebiet fliehen also Menschen, die sich zwar der Gewalt entziehen möchten, aber mit den sonstigen Aspekten ihres gesellschaftlichen Lebens zufrieden waren. Und der Gewalt entziehen wollen sich nicht nur Menschen, die entsprechende Qualifikation vorweisen können und haben, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Wirtschaftsflüchtlinge suchen den Wohlstand, aber der Wille zur gesellschaftlichen Veränderung ist ungewiss. Deshalb weist die Bundesregierung Wirtschaftsflüchtlinge ab. Also unterstellt sie den Migrationswilligen, sie seien nicht qualifiziert genug um unseren Fachkräftemangel zu beheben, da wir sie sonst mit Begrüßungsgeld aufnehmen würden.
Völlig undifferenziert werden somit die Kriegsflüchtlinge betrachtet, und im Hinblick auf Wirtschaftsflüchtlinge wird mit unterschiedlichem Maß gemessen. Von daher ist es fraglich, ob die Flüchtlingskrise Hilfe beim drohenden Fachkräftemangel leisten kann.

Wohingegen diejenigen, die sich bewusst, in Ruhe und aus freien Stücken, also ohne äußeren Zwang für eine Emigration entschieden haben, tatsächlich könnten. Von daher ist eine klarere Differenzierung bei der Betrachtung von Zuwanderern notwendig. Außerdem sollten wir uns die Frage stellen, ob es sinnvoller wäre, für mehr eigene Kinder zu werben um dem demografischen Wandel zu bekämpfen.
(An dieser Stelle möchte ich das gern von der Politik genutzte Argument erwähnen, dass Deutschland seit jeher ein Einwanderungsland sei – und in einem weiteren Beitrag werde ich die Unterschiede zwischen damals und heute aufzeigen.)


Morgen werde ich zu Aussage 3 schreiben. Bleib interessiert. Bleib aufmerksam.

Warum die EU die Flüchtlingskrise braucht, und warum nicht. Teil 1

In diesem Beitrag möchte ich Bezug auf das Europamanifest der Neon Ausgabe 11/2015 nehmen. Darin heißt es: „Die aktuelle Flüchtlingskrise ist eine Chance für die EU. Nicht bloß ökonomisch, weil der alternde Kontinent dringen Zuwanderung braucht.“

Diese Aussage trägt zweierlei Dinge mit sich. Zum einen spricht sie den allgemeinen demografischen Wandel in Europa an, und zum anderen postuliert sie, Flüchtlinge seien positiv – per se positiv. Das ist eine interessante Herangehensweise und wird offenbar auch von der Politik in einer ähnlichen Weise vertreten. Jedoch behauptete diese permanent, wir benötigen mehr Einwanderer um den drohenden Fachkräftemangel zu abzufangen, und dies mündete zuletzt in Aussagen und Aktionen bezüglich der dauerhaften Integration von Flüchtlingen. Jetzt wird es irgendwie schwammig. Worüber reden wir denn eigentlich genau? Fachkräfte? Flüchtlinge? Krise und EU? Gehen wir also systematisch vor und betrachten die Aussagen nacheinander.

Aussage 1: Europa unterliegt einem demografischen Wandel.
Aussage 2: Einwanderer werden benötigt, um den Fachkräftemangel abzufangen.
Aussage 3: Die Flüchtlingskrise ist eine Chance für die EU.

Aussage 1: Europa unterliegt einem demografischen Wandel.

Diese Aussage ist nicht streitfähig, schließlich gibt es dafür eindeutige empirische Beweise, und wer nicht mit Statistiken seine Zeit verdingen möchte, geht am besten vor die Tür; oder fährt aufs Land.

Heute halte ich mich kurz, morgen kommt der Beitrag zu Aussage 2. Bleib interessiert. Bleib aufmerksam.

34 Antworten für Jan Böhmermann

1. Warum?
Ich nehme dies als Frage nach dem „Warum“ in Bezug auf die Pariser Anschläge. Entweder, weil wir ihre Gegner sind. Heißt, wir bekämpfen den IS militärisch oder unterstützen diejenigen, die den IS bekämpfen.
Oder weil wir ungläubig sind. Ungläubig soll an dieser Stelle bedeuten, dass wir ihre Idee des Islamischen Staats weder akzeptieren noch unterstützen. Da sich ihr Staat aus ihrer Religion ergibt, bedeutet ihren Staat nicht anzuerkennen zugleich ihre Religion abzulehnen – was uns zu Ungläubigen macht. Ausnahmen sind vorbildliche Buchreligionen.

2. Warum hat das niemand verhindert?
Wahrscheinlich konnte es niemand.

3. Wozu die ganze Polizei, Überwachung, all die Geheimdienste und Militäreinsätze?
Grob gesagt: Um uns ein gutes Gefühl zu geben. Ein Gefühl der Sicherheit, das von dem des guten Gewissens geschmust wird wie ein Teddy im Kinderbett.
Die Polizei soll für unsere Sicherheit sorgen - Sicherheit vor „unserem Nächsten“, sie ist ein Symptom der Sanktionshoheit, die wir unserem Staat übertragen haben. Die Polizei ist somit ein primär nationales Erscheinungsbild, die vorrangig handelt, wenn ihre eigene Analyseeinheit oder ein Geheimdienst eine Bedrohung aufdeckt.
Geheimdienste sind also als Analyseeinheiten zu verstehen. Analysiert kann nur werden, was überwacht wird, also späht sie aus – uns und damit hoffentlich auch solche, die Gefahr in ihren Morgenkaffee rühren. Die Möglichkeit, dass sie jene entdeckt, ruft bei uns ein gutes Gefühl der Sicherheit hervor (sonst würden wir nicht die Privatsphäre und andere Freiheiten dafür vor den Fernseher hängen (… es muss ein wirklich exorbitant gutes Gefühl sein, schon fast ekstatisch). Aus der Überwachung durch die Geheimdienste entsteht ein Handlungsanspruch, der eben in Militäreinsätzen und Polizeiaktionen gerinnt.

4. Wozu wird unsere Telekommunikation überwacht, wozu haben wir Geheimdienste, wozu wissen die Behörden, was wir im Internet machen, wenn nicht zur Verhinderung von Taten wie dieser?
Sehe ich als Unterpunkt von Drittens und dient auch hier maßgeblich unserem guten Gefühl. Vielleicht haben die Täter ihre Nachrichten im Internet vernünftig verschlüsselt, und nicht über Facebook kommuniziert. (Als Gegenzug will die Bundesregierung jetzt eine Institution errichten, die codierte Nachrichten dechiffriert. Jetzt kann sie diesen letzten Einbruch in die, nunmehr nur noch eine Hütte darstellende, Privatsphäre legitimieren.)

5. Bin ich Deutschland, Frankreich oder Europa?
Das solltest du für dich selbst entscheiden. Meine Empfehlung ist, du orientierst dich an dem, was auf deinem Ausweis steht, und erst im Zweiten Schritt eine Ebene globaler werden. Wenn du jemandem beschreiben wolltest woher du kommst und sich derjenige auf der Welt nicht auskennt, dann dient die globale Ebene als grobe Verortung. Sie kann allerdings auch eine Schutzfunktion innehaben. Das ist als würdest du einem Fremden das Bundesland anstatt deines Wohnortes nennen. Wenn du dich allerdings einem anderen Staat zugehörig fühlst als auf deinem Ausweis steht, solltest du dein bestmögliches tun und deinen Staat zu deinem Idealstaat werden lassen. Oder in deinen Traumstaat gehen, falls politische Müdigkeit deine Gastfreundschaft schätzt.

7. Bin ich Deutscher oder Europäer – und was ist der Unterschied?
Sowohl als auch. Der Unterschied liegt zum einen in der Betrachtungsebene der geografischen Verortung, bei der „Deutscher sein“ impliziert in Deutschland beheimatet und entsprechend wohnhaft zu sein. Da Deutschland in Europa liegt, bist du simultan Europäer. Diese Tatsache ist unabhängig von der EU.
Der Unterschied liegt bisweilen darin, dass du mit deiner Staatsbürgerschaft implizit einen Staatsvertrag mit dem ausgewiesenen Staat schließt, der dich gleichzeitig in ein Repressions- und in ein Nutzenverhältnis bringt. Beispiele für Letzteres wären in Deutschland z.B. Sicherheit – durch Polizei und recht stabile wirtschaftliche Verhältnisse, Sozialsystem, Demokratie, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Toleranz und nicht-geschwindigkeitslimitierte-Autobahnen. Auf das Konto der Pflichtenseite gehen Angelegenheiten wie Steuern zahlen, kritisch politisches Interesse, und seinen Wohnort melden.
Europäer sein bringt aktuell Vorzüge wie eine gewisse Reisefreiheit mit. Zudem gesellt sich ein gutes Gefühl hinzu - das durch die Gemeinschaft der Europäischen Union erzeugt wird. Im Gegenzug musst du akzeptieren, wenn die EU einen Knebelvertrag wie das Freihandelsabkommen mit den USA oder andere Papiere mit Unterdrückungsklauseln.

13. Würden Pediga-Demos von alleine aufhören, wenn niemand mehr über sie berichtete?
Nein. Vermutlich würden sie radikaler werden oder zumindest schärfere Worte benutzen, und das so lange, bis sie Gehör gefunden hätten. Denn wenn sich die Pegida-Leute mit politik beschäftigen und kein Gehör fänden, dann stiege die Frustschwelle rapide an (da es eine Pflicht als Staatsbürger ist sich mit Politik auseinanderzusetzen) und sie würden nach Aufmerksamkeit betteln wie ein Kleinkind. Ich möchte an dieser Stelle Pegida keinerlei vermehrtes Gewaltpotential unterstellen und auch ein friedliches Szenario anreißen: Wenn die Medien Pegida totschweigen würden, sie aber durch persönliche Beziehungen, seien es direkte positive emotionale Verbindungen oder das Netzwerken über Freundesfreunde-Freunde, dann könnte es, sobald die Medien ihren Fokus wieder auf Pegida richten zu einem bösen Erwachen kommen. Denn vielleicht hätten sich während der medialen Abwesenheit viele Bürger zu Pegida gesellt und wir stünden auf einmal vor der Frage, die denn so etwas passieren konnte – wie sich die Gesellschaft dermaßen spalten ließ. Von daher hat mediale Beachtung auch einen überwachenden Effekt.
Zudem verschwindet die Meinung, die sich durch Pegida manifestiert nicht aus den Köpfen der Menschen. Ein mediales Todschweigen ist nicht mit einem Denkwandel gleichzusetzen. Ein Denkwandel wiederum geht nicht symbiotisch mit persönlicher (politischer) Stummheit einher.
Außerdem würden todgeschwiegene, d.h. ignorierte, Meinungsbekundler den Säulen der Demokratie ein Rissmuster bescheren wie kochendes Wasser Eiswürfeln.

14. Was bleibt von Pegida, wenn keiner mehr die provozierten Wutbürger, die ihre gefühlten Wahrheiten in Lügenpressekameras krakelen, im Fernsehen zeigt?
Dadurch, dass sie krakelt haben werden, wird es etwas geben das bleibt. Und wenn es nur ein Schmähartikel in einem Geschichtsbuch sein wird. Vielleicht beeinflusst ihr Krakelen jedoch das Denken anderer Politiker, die sehen, dass es eine nicht unerhebliche Anzahl an Menschen gibt, die anderen Meinungen sind; und die nicht totgeschwiegen werden dürfen (siehe Demokratie, Pflichten des Bürgers). Demokratie ist seit jeher Politik der Adaption, bei der eine Partei von politischen Programmen ihrer Opponenten abschreibt, und sich das jeweilige Programm differenziert einverleibt (nach W. Patzelt).

16. Weiß Stanislaw Tillich, wie lächerlich deutschkonservativer Populismus aus dem Mund von jemandem klingt, der Stanislaw mit Vornamen heißt?
Spätestens mit deiner Frage weiß er, dass du es so siehst. Doch stellt sich gleichzeitig die Frage, inwieweit historischer Kontext zu einer pfadabhängigen, sogar pfadgebundenen Pragmatik werden sollte.

18. Sind Horst Seehofer und Markus Söder gar keine Staatsmänner von Weltrang, sondern bloß zwei bedauernswerte bayrische Provinztrampel?
Auf diese Frage wird es nie einen universellen Konsens geben.

20. Was sind das eigentlich für Typen, die in Paris all diese Menschen getötet und verletzt haben?
Typen, die hochmotiviert einem Erlösungsversprechen folgen.

21. Warum wollen diese Typen nicht lieber glücklich mit ihren Kindern und Enkeln in einem kleinen Haus am See, am Ende einer Straße auf der Orangenbaumblätter liegen, wohnen und alt werden?
Wegen dem Erlösungsversprechen. Sieben Jungfrauen im Paradies (man weiß nicht, ob es immer sieben sind, also nachdem eine entjungfert wurde eine andere Jungfrau nachrückt, oder ob die Jungfrauen, nachdem sie „benutzt“ wurden die Gleichen bleiben – man sozusagen nur ein Jungfrauenkontingent hat auf dem sieben gebucht sind, und wenn das aufgebraucht ist: vorbei der der Spaß. Auch das Alter der Jungfrauen ist fragwürdig …), also bereits ein kleiner Harem, gegen eine Schaar quengelnder Quälgeister. Wer gewinnt? Das sichere Paradies oder das Unsichere?

22. Warum haben die nach dem fünften, sechsten Mord nachgeladen, statt innezuhalten und aufzuhören?
Ist der Ruf erst ruiniert … Was gäbe es für einen Grund aufzuhören? Aus Sicht der Erlösung keinen. Wenn das Versprechen darin bestand, dass der Himmel sicher sei, wenn die Aufgabe erledigt wird, dann könnte ein Innehalten als Nichtausführung der Aufgabe interpretiert werden, und somit das Paradies ins Wanken geraten. Und bei einem unsicheren Paradies wären die Kinder und Enkel eventuell doch eine gute Alternative gewesen. Doch wie soll das vor ihrem Richter (vor Allah?) oder gar vor der weltlichen Justiz gerechtfertigt werden? Nach dem fünften oder sechsten Mord ist die Enkeloption jedenfalls versiegt. Also nachgeladen …
Vielleicht zeigt es auch unser – der Menschheit innewohnenden- innerstes Wesen. Es zeigt, dass wir von einer Rotte Mörder, Räuber und Verbrecher abstammen, und dass wir uns insgeheim nach Macht sehnen. Es könnte also sein, dass die Täter ein Machtrausch überkam und sie deswegen weitermachten; überflügelt von dem Adrenalin, unfähig zu stoppen.

23. Warum habe ich vor diesen Typen keine Angst?
Die Gründe dafür solltest du in dir selbst suchen. Wahrscheinlich liegt es mitunter an dem (unbewussten) Vertrauen in den deutschen Staatsapparat, repressive in den der betroffenen Länder; einschließlich der Polizei. Vielleicht gesellt sich noch das gute Gefühl der Gemeinschaft (EU, wir schaffen das, wir besiegen sie – wir müssen nur zusammenstehen etc.) hinzu. Außerdem spielt hier die räumliche Distanz eine große Rolle; genauso wie Polizeipräsenz.

24. Wer will Krieg – die Typen oder wir?
In meinen Augen ist diese Frage völlig irrelevant. Denn für Krieg braucht es mindestens zwei Parteien – den Aggressor und den Opponenten. Ich würde dem IS die Aggressorkarte zuspielen. Die Handlungen des Aggressors rufen Gegenreaktionen hervor, die den Aggressor wiederum zu neuen Taten animiert (inwiefern das so zu verallgemeinern ist, oder nur als Legitimationsgrund von den einzelnen Parteien herangezogen wird, sein an dieser Stelle nebensächlich). Wenn der Opponent keinen Krieg will, bedeutet dies nur zu reagieren, wodurch absehbar ist, dass sich der Konflikt hinzieht. Dennoch ist es Krieg. Die entscheidende Frage ist, wer führt den Krieg (an)? Und dies kann nur über die Haltung der Bevölkerung, im Diskurs, ermittelt werden.

25. Warum habe ich keine Angst?
Wovor hast du keine Angst? Angst im Sinne von Punkt 23 oder generell?

26. Wissen die Typen eigentlich, mit wem die sich anlegen?
Schätzungsweise schon. Nach Huntington mit einem Kulturkreis, dessen Macht und militärische Stärke schwindet wie ein Papierboot in der Kanalisation.

27. Glauben die Typen wirklich, sie könnten gewinnen?
Ja. Und wenn nicht, haben sie immer noch ihr Erlösungsversprechen. Nach ihrem Tod, wenn sie mit den Jungfrauen zugange sind, wird ihnen das weltliche Leben egal sein. (Punkte 20-22)

28. Glauben wir wirklich, wir könnten gewinnen?
Nein, das bilden wir uns nur ein. Das Trugbild hängt mit den Punkten 24 und 26 zusammen. Wie Bundespräsident Gauck in seiner Rede zum Volkstrauertag bekundete, richtet sich ein solcher Anschlag gegen universellen Werte. Problematisch ist, dass es eigentlich nur die universellen Werte unserer Gesellschaft, nach Huntington unseres Kulturkreises sind. Um diese Werte universell - im Sinne von überall geltend - werden zu lassen, bräuchten wir entsprechende Power und (!) den Willen dazu. Eine genauere Auseinandersetzung mit diesem Thema werde ich in einem späteren Beitrag liefern.

29. Wacht da gerade etwas auf, was besser nicht aufwachen sollte?
Die Frage ist mir zu unspezifisch. Meinst du den IS? Dann beantworte ich das mit: ja, allerdings. Wenn du etwas in dir meinst, hoffe ich, du nutzt es positiv; und wenn es dein Kind ist, sing ihm ein Schlaflied.

32. Warum beten die Menschen für Paris, statt Paris zu helfen?
Weil wir eventuell der Meinung sind, dass religiös motivierte Taten eine religiöse Antwort bedürfen. Und weil beten ein gutes Gefühl gibt, es beruhigt das Gewissen, auch wenn wir materiell nicht helfen. Durch die räumliche Distanz haben wir keinerlei positive emotionale Bindungen zu den Menschen dort gehabt. Im Grunde sind sie uns egal. Das ist so als würde ein Einwohner in unserer Stadt, der Stadt in der wir jeweils wohnen, eines natürlichen Todes sterben. Das tangiert uns nicht – und das ist gut so, weil wir sonst alle depressiv werden würden. Das betrifft uns nur soweit, wie wir die Person persönlich kennen und mindestens sekundäre positive Emotionen mit ihr verbinden. Sekundäre positive Emotionen sind Emotionen, die ich habe, weil mein direkter Nächster sie hat – also Verwandte von Partnern, von Freunden etc. – das ist für mich synonym mit Empathie (Genauere Erklärungen hierzu später). Jedenfalls: Uns entsetzt eher der Schrecken, den die Tat ans Licht gebracht hat. Und um den Schrecken zu begegnen beten wir, zumindest diejenigen, die Gläubig sind, und versuchen damit auch ein Stück weit eine Solche Tat fern von sich zu halten.

35. Warum macht es mich aggressiv, wenn jemand unter diesen Beitrag einen „Denkt an die Kinder in Gaza“-Kommentar schreibt?
Weil dies das Thema verfehlen würde.

36. Soll ich mir eine Deutschlandfahne kaufen?
Wenn du das möchtest. Was willst du denn mit einer solchen Fahne anstellen? Was bekunden? Welche Bedeutung hätte sie für dich? Würde sie bei dir im Schrank versauern, oder auf dem Dachboden? Auf die Frage gibt es keine normative Antwort, die dein „Soll“ eigentlich verlangt.
PS: Mit einem Kauf würdest du zumindest die Wirtschaft unterstützen

37. Wann muss ich mir mehr Sorgen machen, wenn AfD-Idioten oder ganz normale Leute die Deutschlandfahnen rausholen?
Angenommen du entscheidest dich bei Punkt 36 für den Kauf. Grund zur Sorge?

40. Sollte ich mich äußern – wenn ja, wen interessiert das eigentlich?
Ja, solltest du – wegen der Demokratie und den Ansprüchen, die bei ihr mitschwingen. Du als Prominenter hast sogar den Vorteil, dass deinem Wort Gehör geschenkt wird, Aufmerksamkeit erregt, und vielleicht sogar etwas bewirkt, wie das beispielsweise in dem Fall von dem Flüchtlingsheim und Til Schweiger der Fall war. Das reine Engagement Schweigers bewog die Leute zum Umdenken. Also das reine postulieren von Aussagen Prominenter bewegt das Krethi und Plethi zum Umdenken … oder zum unreflektierten Nachahmen.
Die Frage, wen es interessiert, ist nicht relevant. Würde Meinungsbekundung daran festgemacht, wer sich dafür interessiert, und sich niemand dafür interessiert, dann bliebe also die Meinungsbekundung aus und am Ende hat niemand etwas gesagt – was ein großer Fehler ist (Ich verweise auf den Beitrag von der Zeit vom 7.11.15 „Die AfD-Demo, ein riesengroßes Missverständnis). Denn die Gesellschaft, gar unseren Staat sollten wir nach unseren Wünschen Formen, und dies funktioniert lediglich auf dem Wege des Diskurses, wofür Meinungsbekundungen unabdingbar sind. Auch wenn es dich wahrscheinlich nicht schickt, aber genau das Gleiche gilt für Pegida und für die AfDler.

41. Wieso fühle ich mich in Anwesenheit von Polizisten mit Maschinengewehren nicht sicher, sondern unsicherer?
Das kann mehrere Dimensionen haben. Erstens könntest du dich überwacht (und gleichzeitig ertappt, obwohl du nichts getan hast) fühlen, also öffentlich überwacht und nicht im Stillen, wie es der Geheimdienst vollzieht - quasi aus den Augen aus dem Sinn. Sozusagen das gesellschaftliche Panoptikum. Es ist eine Errungenschaft der modernen Gesellschaft, die Sanktionskräfte im Hintergrund zu halten. Kommen diese an die Oberfläche ist unser normales, alltägliches Weltbild gestört und verspüren fast schon anomisches Unbehagen. Zweitens zeigt es, dass Gefahr direkt und unmittelbar präsent ist. Entweder durch die Polizei selbst, weil die Polizei oder das Militär Übernacht geputscht haben könnte, oder weil äußere Gefahr in Witterungsreichweite ist. Beides sind keine beruhigenden Gedanken.

43. Was sind das eigentlich für Deutsche, die im Jahr 2015 zum Militär gehen?
Staatsbürger.

44. Hat die Bundeswehr schon mal für mich gekämpft?
Aktuelle Werbung ihrerseits lautet: Wir kämpfen dafür, dass du gegen uns sein kannst. Bedeutet, sie kämpft für Meinungsfreiheit. Wenn sie gekämpft hat und ihr Anspruch wahr ist, dann hat sie auch für dich gekämpft.

45. Wer ist stärker, Bundeswehr oder IS?
Spontan würde ich die Frage mit „Bundeswehr“ beantworten. Allerdings mit Einschränkungen. In Sachen Ausbildung und Technologie sehe ich die Bundeswehr weit vorne. Bei der Kriegsführung den IS. Das liegt an der Art, wie sie den Krieg auffassen. Für sie sind alle gleich, es gibt keinen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten, zwischen Mann, Frau oder Kind – wenn sie ihre Idee des islamischen Staats nicht teilen sind sie ihr Feind. Und ein Feind ist ein potentielles Ziel. Deshalb erschrecken uns ihre Angriffe, weil sie keinen Unterschied machen. Bundespräsident Gauk meinte in seiner Rede, es wäre ein „feige“ gewesen. An dem Massaker ist nichts feiges, denn sie führen den Krieg nach ihren Vorstellungen, und die besagen, dass alle anderen bestraft werden müssen.
Und in dem „feige“ kommt die Schwäche der Bundeswehr zum Ausdruck. Huntingtons fehlende Power zur Universellmachung unserer „universellen Werte“ rührt für mich ein Stückweit aus der Unterscheidung zwischen Zivilisten und Soldaten, zwischen Schlachtfeld und Zivilgegenden. Wie bereits erwähnt, ist Stillschweigen nicht bedeutend mit anderem Denken, oder gar umdenken.

47. Wer ist eigentlich „wir“?
Das kommt darauf an, mit wem du dich identifizierst, oder anders gesagt: In welche Menschen du dich bei deinen Überlegungen hineinversetzt, wen du dir innerlich repräsentierst. Nach Huntington wäre „wir“ der westliche Kulturkreis. Nach Kant wäre es die ganze Weltbevölkerung. Wenigstens sollten es die Menschen sein, mit denen du positive emotionale Verbindungen hegst; und solche, mit denen du im direkten Diskurs stehst.

48. Wäre Atheismus die Lösung?
Als Atheist sage ich dir, es macht keinen Unterschied. Denn als Atheist bist du ein ebenso gutes Ziel wie als religiöser Mensch. Prinzipiell ist die Ungläubigkeit auch eines ihrer Hauptziele. Von daher wäre die strikte Ausübung einer Religion die bessere Wahl als Atheismus. Nichtsdestotrotz wärst du, sofern du weiter unter Ungläubigen wandelst, im Anschlagsfall ein Kollateralschaden.
Und Atheismus anstelle von allen Religionen wird nicht funktionieren, da es etwas völlig langweiliges ohne Erlösungsversprechen ist.

49. Haben wir genug Polizeibeamte, die arabisch sprechen?
Es gab mal ein Polizeiprogramm, das besagte, es müssen mehr Beamte mit Migrationshintergrund eingestellt werden, um eben solchen Problemen zu begegnen. Was ist damit?

50. Muss ich vollverschleierte Frauen in der Öffentlichkeit tolerieren und wenn nein, wieso nicht?
Nein, musst du nicht. In Deutschland tolerieren wir auch die Intoleranten. Dafür kämpft sogar die Bundeswehr. Die Frage hat einen großen normativen Anspruch: Du musst nicht, aber du solltest. Der Öffentliche Konsens sagt, wir sind tolerant und tolerieren eben auch vollverschleierte Frauen. Das wäre moralisch korrekt. Das darfst und solltest du hinterfragen. Wenn du es nicht tolerieren willst, weil es deinem Sinn für Ästhetik widerspricht, dann ist das in Ordnung – es ist ein rein privates und subjektives Empfinden; wir alle finden bestimmte Aspekte von Mode beschissen – darunter würde somit die Burka fallen. Wenn du in deiner Gruppe, also den Menschen mit denen du positive emotionale Bindungen hegst, darüber diskutiert und zu dem Schluss kommt, dass ihr es nicht tolerieren möchtet – aus welchen Gründen auch immer -, dann ist auch dies moralisch akzeptabel, da ihr euch mit dem Thema auseinandergesetzt und dies ausgehandelt habt. Wichtig (für moralisches Handeln) ist, dass ihr eure Handlungen und Einstellungen begründen könnt. Was nicht akzeptabel ist, ist eine unbegründete Haltung.

53. Sind wir die Kinder der Aufklärung oder die Enkel der Nazis oder beides?
In gewisser Weise beides. Doch sollten wir uns mehr als Kinder der Aufklärung verstehen, denn wenn wir den Leitspruch der Aufklärung „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ anlegen, impliziert dies, dass wir uns von dem Vermächtnis der Nazis distanzieren können und es somit nicht zu einer unreflektierten Pfadgebundenheit kommt. Diese Frage wurde bereits bei Punkt 16 aufgeworfen.

Das war‘s erst einmal von mir. Bis zum nächsten Beitrag. Bleib interessiert. Bleib Aufmerksam.

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